Jakob-Michael-Reinhold-Lenz-Preis für Dramatik verliehen

18.02.2021

Der Preis

Seit seiner Installation im Jahre 1997 wurde der Dramatikwettbewerb um den Jakob-Michael-Reinhold-Lenz-Preis der Stadt Jena quasi bei jeder neuen Auflage neu erfunden. Auf diese Weise konnte sich der Preis den jeweils aktuellen Erfordernissen der modernen, sich verändernden Theaterlandschaft anpassen. Dieser Weg, der so wohlgemerkt nicht von vornherein intendiert war, hat sich als sehr produktiv erwiesen, hat sich der Preis doch in der Szene im Laufe der Zeit einen durchaus respektablen Ruf erarbeitet. Gleichwohl wurde gerade aus dem innerstädtischen politischen Raum lange Zeit kritisch konstatiert, dass die Ausstrahlung auf Jena selbst noch nicht groß genug sei. Ähnlich wie beim Botho-Graef-Kunstpreis wurde die Forderung lauter, er müsse sich direkter mit Jena selbst verknüpfen und so im wahrsten Sinne des Wortes für Jena auszahlen.

Mit der letzten Ausgabe 2017 ist das gelungen. Der Preisträger Boris Nikitin wurde von der Jury erstmalig direkt benannt und erhielt mit der Verleihung des Preises die Aufgabe, ein künstlerisches Symposium zu kuratieren, das Martin-Luther-Propaganda-Symposium.

Insofern war auch der Erwartungshorizont für den bevorstehenden Wettbewerb hoch. Die Initiatoren von Theaterhaus Jena und JenaKultur haben sich deshalb entschieden, ihn abermals sehr politisch zu denken. 2021 jährt sich zum 10. Mal die Offenlegung des sogenannten NSU, dessen Wurzeln leider in Jena zu suchen sind.

Die von einer dreiköpfigen Vorschlagsjury aufgeforderten Bewerber*innen – Kollektiv Das Peng!, Dean Hutton und Antje Schupp – waren gehalten, eine ortsspezifische (site spezific) Arbeit im Jenaer Stadtraum zu konzipieren, die theatral und/oder intermedial geartet sein sollte, vorzugsweise in den Stadtvierteln Jena-Winzerla und/oder Jena-Lobeda, aus denen die verurteilten Täter*innen des sog. NSU stammen bzw. mit Bezug darauf.

Die ebenfalls dreiköpfige Entscheidungsjury wählte die in Basel lebende Regisseurin, Autorin und Performerin Antje Schupp (Jg. 1983) und ihre mit dem Arbeitstitel „Die mutige Mehrheit“ überschriebene mehrteilige Konzeptidee für den Preis aus.

Preisträgerin

Antje Schupp studierte Regie für Theater und Oper an der Bayrischen Theaterakademie August Everding sowie Theater-, Film- und Medienwissenschaft und Cultural Studies an der Universität Wien. Sie inszeniert Sprech- und Musiktheater, entwickelt eigene Produktionen in der freien Szene, und arbeitet häufig in kokreativen Arbeitsprozessen sowie mit nicht-professionellen Darsteller*innen, wie z. Zt. bei dem Vermittlungsprojekt Music was my first love, in dem mit suchtkranken Menschen ein Konzert ihrer Lieblingssongs und der Geschichte zu dem jeweiligen Song entwickelt wird.

Antje Schupp interessiert sich für zeitpolitische, ökologische und soziale Themen und verbindet in ihren Arbeiten unterschiedliche stilistische Elemente zu semi-dokumentarischen und semi-fiktiven Erzählungen. Verschiedene site specific Arbeiten, die zwischen Installation und Performance angesiedelt sind sowie zwei Soloperformances (rein gold und Loss & Luck). Seit vielen Jahren produziert und schreibt sie eigene Stückentwicklungen.

2017 schrieb sie ihr erstes Stück „Ein Stück Geschichte“, 2018 für die Produktion „Time of my Life“ die Memoiren von neun Senior*innen eines Pflegeheims. Derzeit schreibt sie an ihrem neuen Stück. Sie inszenierte u. a. am Theater Basel, Schauspielhaus Zürich, Theater am Neumarkt, Kaserne Basel oder Staatstheater Augsburg und wurde zu Festivals wie Theaterspektakel Zürich, Politik im Freien Theater, Berliner Theatertreffen „Shifting Perspectives", Antigel Genf oder Heidelberger Stückemarkt eingeladen.

Antje Schupp arbeitet regelmässig in internationalen Kollaborationen, z. B. in Südafrika für PINK MON€Y, zuletzt für Nouvelle Nahda (Theater am Neumarkt / Station Beirut) mit Künstler*innen aus/in Beirut, demnächst mit Künstler*innen in Teresina (BRA). Viele Zusammenarbeiten mit Beatrice Fleischlin, z. B. bei Islam für Christen – Ein Crashkurs (Level A1). Musiktheaterinszenierungen von Mozart, Massenet, Vivaldi und Menotti sowie verschiedene Uraufführungen. Antje Schupp ist Trägerin des Festspielpreises der Festspiele Zürich 2020 - damit verbunden die spartenübergreifende Uraufführung von REVUE 2020 in Koproduktion mit dem Opernhaus Zürich und Schauspielhaus Zürich - und ist Teil der Swiss Performing Arts Selection der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia.

Sie erhielt bereits mehrere Auszeichnungen und Stipendien.

Die Arbeit „Die mutige Mehrheit“, die bis zum Herbst in Jena realisiert werden wird, besteht aus drei wesentlichen Elementen: 1. Einer digitalen Stadterkundung „(Un)Sichtbare Spuren“, 2. einer „Deutschkunde 2021“, die unterschiedliche Formate wie Performances, Workshops und Vorträge mischt und 3. einer bundesweiten Aktion „Die mutige Mehrheit“. Ziel ist es, die „blinden“ Stellen in der öffentlichen Beschäftigung mit deutscher Geschichte zu zeigen und die schweigende Mehrheit zum Sprechen zu bringen. Diese Transformation hin zu einer (wider)sprechenden Mehrheit findet künstlerisch also auf 3 Ebenen statt: 1) individuell 2) in Gruppen 3) als deutschlandweite Aktion. Jeder Teil funktioniert unabhängig voneinander, konzipiert ist es als Trilogie in der Trilogie.

Antje Schupp bedankt sich für die Auszeichnung und sieht darin die Bestätigung ihrer These, dass Die mutige Mehrheit keine Utopie sei, sondern Notwendigkeit und eine Haltung, die ebenso gepflegt werden müsse wie die Erinnerung an die Opfer rechter Gewalt.

Kein Schlussstrich 

Jonas Zipf, Werkleiter von JenaKultur und Initiator des bundesweiten Theaterprojekts „Kein Schlussstrich!“, betont, dass er die künstlerische Beschäftigung mit den Themen deshalb so wichtig findet, weil hier mit ästhetischen Mitteln versucht wird, den Blick zu weiten, klar zu machen, dass rechte Gewalt, Rassismus und Diskriminierung längst strukturellen Niederschlag in unserer Gesellschaft gefunden haben und unsere Demokratie gefährden.

Die Jury überzeugte die Vielfältigkeit des Projekts, die Annäherungen aus ganz unterschiedlichen Perspektiven ermöglicht, die auf diese Weise im Bestehenden über das Bestehende neu nachzudenken einfordert.

Und Jenas Oberbürgermeister findet es wichtig, dass der Preis mit dem Namen Jakob Michael Reinhold Lenz sich einerseits bewusst in eine Tradition stellt, und andererseits gerade eben mit Traditionen bricht und den postmodernen, suchenden nicht-allwissenden Autor in Dialog mit der Gesellschaft bringt.

Die Jury

Der Vorschlagsjury gehörten an:

  • Sabine Westermaier, Dramaturgin und Mitbegründerin des Theaterverlags "rua"
  • Simone Dede Ayivi, Kulturwissenschaftlerin, Dramaturgin und Künstlerin
  • Boris Nikitin, Dramatiker und letztmaliger Lenz-Preis-Träger

Die Entscheidungsjury bestand aus:

  • Maik Pevesstorff, Dramaturg an der Freien Bühne Jena
  • Tunçay Kulaoğlu, Filmemacher, Journalist, Übersetzer
  • Thorben Meißner, Dramaturg am Theaterhaus Jena

Einsendungen:

  • Dean Huttun, Südafrika
  • Kollektiv Das Peng!, Berlin
  • Antje Schupp, Basel

Preisverleihung

Der Preis ist mit 10.000 Euro dotiert. Die Preisverleihung findet am 17.06.2021, 18 Uhr im Theaterhaus Jena statt.