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Gedenken anlässlich des 26. Todestages von Enver Şimşek

11.09.2026

Rede von Oberbürgermeister Dr. Thomas Nitzsche

Lieber Jenaerinnen und Jenaer, 

die Sie und Ihr immer wieder für das Gedenken an die Opfer des NSU und die Aufarbeitung der Verbrechen und des Umgangs damit eintreten,

liebe Katharina König-Preuß,

sehr geehrter, lieber Herr Meß,

sehr geehrte Damen und Herren,

vor 26 Jahren und zwei Tagen, am 09.09.2025, wurden um die Mittagszeit acht Schüsse auf Enver Şimşek abgegeben. Er übernahm an diesem Tag die Urlaubsvertretung für einen Angestellten an einem Stand seines Blumengroßhandels an einer Straße in Nürnberg. Zwei Tage später, heute vor 26 Jahren, erlag er seinen schweren Verletzungen.

Enver Şimşek war das erste von insgesamt zehn Mordopfern. Die hiesige Gedenktafel und die Platzbenennung stehen für alle zehn ermordeten Menschen, neun mit migrantischem Hintergrund und die Polizistin Michele Kiesewetter.

Wenn wir hier zusammenkommen, gedenken wir aller Opfer des NSU, die in den Jahren 2000 bis 2007 ermordet wurden:

  • Abdurrahim Özüdoğru
  • Süleyman Taşköprü
  • Habil Kılıҫ
  • Mehmet Turgut
  • İsmail Yaşar
  • Theodoros Boulgarides
  • Mehmet Kubaşık
  • Halit Yozgat und
  • Michèle Kiesewetter

Sie alle hatten sich nichts zuschulden kommen lassen. Sie, die migrantischen Opfer, waren vor Jahren nach Deutschland eingewandert, waren hierher migriert, um sich ein besseres Leben aufzubauen. Die meisten von ihnen waren selbstständig, mit all den besonderen Herausforderungen, die das mit sich bringt. Viele hatten Familien gegründet, sie hatten Kinder. Mütter und Väter verloren ihre Söhne, Ehefrauen ihre Männer, Kinder ihre Väter.

Vor sechs Jahren haben wir hier diese Gedenktafel eingeweiht und diesen Platz gemeinsam mit der Witwe und den Kindern nach Enver Şimşek benannt, um ihn stellvertretend für alle Opfer zu ehren und die Erinnerung an die Verbrechen des NSU wachzuhalten.

Sehr geehrte Damen und Herren,

26 Jahre ist es her, seit das erste Opfer des NSU ermordet wurde. In wenigen Wochen, am 4. November jährt sich zum 15. Mal der Tag, an dem sich der Nationalsozialistische Untergrund nach einem gescheiterten Banküberfall in Eisenach selbst enttarnte. 

Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos begingen Suizid, um ihrer Festnahme zu entgehen. Beate Zschäpe, das dritte Kernmitglied, befand sich zu diesem Zeitpunkt in der gemeinsamen Unterschlupf-Wohnung in Zwickau. Als sie vom Tod ihrer Komplizen erfuhr, legte sie Feuer in der Wohnung, um Beweise zu vernichten, und verschickte ein Bekennervideo. Zunächst flüchtete sie und stellte sich am 08.11.2011 der Polizei.

Zehn Opfer und zwei Täter waren Tod. Jetzt begann in Deutschland die juristische, politische und gesellschaftliche Aufarbeitung der Verbrechen, die bis heute andauert, auch wenn Gerichtsprozesse wie der NSU-Prozess vor dem Oberlandesgericht München abgeschlossen sind.

Liebe Katharina,

an dieser Stelle möchte ich auch Dich nochmals herzlich begrüßen. Seit Deiner Jugend engagierst Du Dich gegen Rechtsextremismus, hast als Sozialpädagogin und Straßensozialarbeiterin gearbeitet und bist seit 2009 Mitglied des Thüringer Landtages. Dort warst Du nicht nur zeitweise Sprecherin für Migrationspolitik, Antifaschismus und Antirassismus, sondern auch Mitglied im Untersuchungsausschuss zum Nationalsozialistischen Untergrund. 

Du giltst als eine der führenden Aufklärerinnen zum NSU. Du bist unbequem für viele in diesem Themenfeld wie auch in vielen anderen – und das ist – auch wenn wir verschiedenen politischen Lagern angehören – sehr anerkennend gemeint. Du weichst keiner Debatte aus und trittst für Aufklärung und Gerechtigkeit ein. Ich freue mich, dass Du heute zu uns sprechen wirst.

Liebe Anwesende,

das Leid, das den Familien der Opfer zugefügt wurde, lässt sich nicht wirklich nachvollziehen. Als ob es nicht schrecklich genug wäre, einen nahen Angehörigen zu verlieren, so mussten die Hinterbliebenen sich Verdächtigungen erwehren, die Morde seien durch Verwicklungen in der organisierten Kriminalität, im Rotlichtmilieu oder im Drogenhandel begründet. 

Diese Unterstellungen kamen sehr oft von staatlicher Seite, während Hinweise, dass die Taten einen ausländerfeindlichen, rechtsextremen Hintergrund haben könnten, nicht ernsthaft oder gar nicht verfolgt wurden.

Umso wichtiger ist, dass wir als Gesellschaft diese Fehlleistung aufarbeiten, selbstkritisch bewerten – und um Verzeihung bitten.

Die Aufarbeitung ist wichtig zunächst für die Opfer, denen schlimmes Unrecht widerfahren ist. Sie ist auch wichtig, um auch in diesen schwierigen Zeiten einen klaren Blick auf Entwicklungen und Verhältnisse in unserem Land zu gewinnen bzw. zu behalten. 

Um aus der Vergangenheit zu lernen und ein Wiederholen der schrecklichen Ereignisse zu verhindern, müssen auch wir in Jena uns weiter mit der Frage auseinandersetzen, wie es dazu kommen konnte, dass der Nationalsozialistische Untergrund hier entstand. 

Mit diesem Ziel wurde das Rosenthal-Stipendium für Bildende Kunst zu einem Stipendium für politische Bildung umgewidmet und wird die Ergebnisse ihrer wissenschaftlichen Aufarbeitung der Zeit und des Umfeldes, in dem der NSU in Jena entstehen konnte, diesem Herbst im Rahmen einer Abschlusspräsentation vorstellen.

Die Präsentation ist eingebettet in eine Reihe von Veranstaltungen und Ausstellungen ab Ende Oktober, die das Jubiläum der NSU-Selbstenttarnung zum Anlass nehmen, sich thematisch über verschiedene Zugänge mit dem NSU-Themenkomplex zu befassen.

Sie alle sind hierzu herzlich eingeladen. Allen Beteiligten an dieser Stelle bereits ein großer Dank für die laufenden Vorbereitungen.

Wir müssen die Geschichte von Enver Şimşek und den anderen Opfern des NSU weitererzählen und aufzeigen, wohin extreme und menschenverachtende Ideologien führen. Das sage ich nicht zuletzt auch vor dem Hintergrund des Wahlergebnisses vom letzten Wochenende in Sachsen-Anhalt.

Dazu zählt auch, dass wir als Stadt sichtbare Zeichen setzen, dass wir ein Klima der Angst, der Einschüchterung und der Gewalt in unserer Stadt nicht dulden. Wir alle müssen gegen diese wie auch gegen alle anderen rechtsextremen und menschenfeindlichen Taten eintreten.

Angesichts des Drucks auf unsere Gesellschaft ist es zentral, dass die demokratische Verfasstheit unseres Landes, dass Menschen- und Bürgerrechte, die Würde jedes einzelnen Menschen gewahrt bleiben. 

Wir wollen, dass Menschen mit migrantischer Herkunft sich in Jena sicher fühlen, dass sie sich wohl fühlen und ein Zuhause finden, auch wenn es nur ein Zuhause auf Zeit sein sollte. 

Ich bin froh, dass das Ringen um unser menschliches Miteinander von der Breite der Jenaer Stadtgesellschaft getragen wird. Das Engagement in der Zivilgesellschaft ist hierbei wesentlich, für die stadtinterne Aufarbeitung der Dinge, die zum Entstehen des NSU beigetragen haben, als auch für das weltoffene und tolerante Klima, das unsere Stadt auszeichnet.

In diesem Sinne bin ich dankbar, dass Sie in diesem Jahr hierhergekommen sind, um der Opfer des Nationalsozialistischen Untergrundes zu gedenken.

[Es folgte eine Rede von Katharina König-Preuß]