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Gedenken an die Befreiung von der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft

08.05.2026

Zum heutigen Gedenken zum Ende des 2. Weltkrieges und der Befreiung von der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft hat Oberbürgermeister Dr. Thomas Nitzsche eine Rede gehalten (es gilt das gesprochene Wort). Auch Stadthistorikerin Dr. Jenny Price leistete einen Redebeitrag.

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„Sehr geehrte Damen und Herren,

seien Sie herzlich willkommen zu unserer Gedenkveranstaltung anlässlich des Tages der Befreiung von der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft und des Endes des 2. Weltkrieges in Europa. Heute vor 81 Jahren war dieses besondere Ereignis, das endlich Deutschland und Europa Frieden und das finale Ende des nationalsozialistischen Regimes brachte.

Dieser Tag war von Millionen verfolgten Menschen erhofft und ersehnt gewesen; sehr viele Deutsche – Täter des NS-Regimes, Soldaten der Wehrmacht, loyale oder auch passive Bürgerinnen und Bürger hatten diesen Tag auch befürchtet, denn sie hatten Angst vor dem, was die Zukunft bringen würde, Angst vor der Vergeltung der Alliierten.

Heute gut achtzig Jahre später leben wir in einer Welt, in der die Erinnerungen an die unvorstellbaren Schrecken dieses Krieges allmählich zu verblassen beginnen. Es sind kaum noch Zeitzeugen unter uns, die uns mahnen, dass sich das, was damals geschah, nicht wiederholen darf.

Stattdessen ringen wir in der alltäglichen Politik mit Verharmlosungen der nationalsozialistischen Verbrechen und einem Wiedererstarken des Antisemitismus in einem Ausmaß, wie es sich die meisten von uns hier wohl nicht hätten vorstellen können.

Hinzu kommt, dass nun seit viereinhalb Jahren der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine tobt. Die über Jahrzehnte bestehende Sicherheitsarchitektur der westlichen Welt ist ins Wanken geraten. Unsicherheit greift um sich und wird verstärkt durch einen Wandlungs- und Anpassungsdruck auf unsere Gesellschaft durch Klimawandel und wirtschaftliche Stagnation.

Die relative Sicherheit der vergangenen Jahrzehnte – und auch diese waren nicht frei von Konflikten und kriegerischen Auseinandersetzungen – scheint vorbei. Krieg ist wieder ein Mittel der politischen Auseinandersetzung in Europa. Die Rüstungsausgaben in Deutschland und in der Welt steigen in bisher unbekannte Höhen. Die Konflikte und Kriege im Nahen Osten lassen die Zuversicht auf dauerhaften Frieden und Lösungen im Sinne der Menschen kaum zu.

Doch anstatt eine Lösung in internationaler Zusammenarbeit zu suchen, für die Frieden immer die erste Voraussetzung ist, scheinen derzeit zahlreiche Politiker, Parteien und Länder ihre Hoffnung auf Nationalismus und Isolationismus zu setzen – genau das Gegenteil dessen, was die Lehren der schlimmen kriegerischen Auseinandersetzungen in der ersten Hälfte des 20. Jh. waren.

Der 8. Mai 1945 war der Tag der deutschen Kapitulation, des Endes des Krieges und der nationalsozialistischen Diktatur in Deutschland. Auf dem europäischen Kriegsschauplatz schwiegen endgültig die Waffen. Jena wurde bereits vier Wochen vorher befreit, als US-amerikanische Truppen am 12. bzw. 13. April 1945 von Westen kommend die Johannisstraße entlang zogen und gen Osten die Stadt besetzten.

In den sechs Kriegsjahren hatten geschätzte, unvorstellbare 55 Millionen Menschen ihr Leben gelassen. Städte und Landstriche waren in einem ebenfalls kaum vorstellbaren Ausmaß zerstört.

Jeder hat die Bilder von Berlin oder Dresden, Warschau oder Kaliningrad, Coventry oder Manchester, Wolgograd oder Leningrad im Kopf.

Mit großem Abstand hatte die Sowjetunion mit rund 24 Mio. Menschen, knapp 10 Mio. Soldaten und ca. 14 Mio. Zivilbevölkerung, die meisten Opfer zu beklagen. Dies sind kaum vorstellbare Zahlen, weit mehr Menschen als in den neuen Bundesländern und Berlin leben.

Die Ukraine als Teil der Sowjetunion leistete mit Abstand den größten Blutzoll: mindestens acht Millionen Kriegsopfer, darunter über fünf Millionen Zivilisten, Frauen und Kinder, die im deutschen Vernichtungskrieg von der SS oder der Wehrmacht ermordet wurden.

Diese unfassbaren Zahlen schließen 1,6 Mio. Juden ein, die im Holocaust auf dem Gebiet der Ukraine von den Nazis durch Erschießungen umgebracht wurden.

Der Krieg fand auch in Jena statt. Kurz vor Kriegsbeginn am 1. September 1939 gehörten knapp 2.200 Jenaer Bürger der Wehrmacht und dem Reichsarbeitsdienst an. In den Zeitungen erschienen bald die ersten Todesanzeigen für gefallene Soldaten, manche getragen von der Trauer des Verlusts, andere von nationalsozialistischen Floskeln. 

Die Zahl der Kriegstoten stieg nach dem Überfall auf die Sowjetunion 1941 deutlich an. Wie viele Jenaer als Angehörige der Wehrmacht, der Waffen-SS und Polizei oder des berüchtigten Polizeibataillons 311 ihr Leben verloren, ist unbekannt. Vermutlich waren es über 2.000 Menschen.

Die Jenaer Zivilbevölkerung nahm in den Kriegsjahren erheblich zu, zunächst durch den Zuzug von Arbeitskräften und später durch ausgebombte Familien und Flüchtlinge, die in der Stadt Zuflucht suchten.

Mehr als 100 Jenaer Bürgerinnen und Bürger wurden Opfer der Shoa, indem sie in die Vernichtungslager im Osten deportiert wurden oder ihrem Leben selbst ein Ende setzten, um diesem Schicksal zu entgehen.

Mindestens 60 Menschen starben durch das Mordprogramm „T4“, mit dem psychisch Kranke oder vermeintlich Kranke und Behinderte in die Tötungsanstalt nach Pirna-Sonnenstein gebracht wurden.

Als Industriestandort wurde Jena ein Angriffsziel der Alliierten. Während des Bombenkriegs 1943 bis 1945 wurde die Jenaer Innenstadt mehrmals schwer getroffen. Insgesamt starben hierbei fast 800 Menschen, darunter mehr als 100 Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene. 

Am 11. April 1945 trieb die SS mehr als 4.000 Häftlinge aus dem Konzentrationslager Buchenwald auf dem Todesmarsch durch Jena. Mindestens zwei Dutzend Menschen starben dabei hier in der Stadt.

Nicht zuletzt wurde der Krieg in Jena sichtbar anhand der mehr als 14.000 Zwangsarbeiter, die hier für ca. 320 Arbeitgeber arbeiten mussten.

Vor diesem Hintergrund ist es gut, dass wir uns heute erneut hier versammelt haben, an der Gedenkstele, die seit 2014 an das Jenaer Lagersystem zur Zeit des Nationalsozialismus erinnert.

Die Jenaer Verstrickungen der damaligen Zeit und die Verantwortung, die sich daraus ableitet, wird deutlich, wenn wir schauen, was konkret hier in unserer Stadt, vor unserer Haustür, in unserer Straße oder unserem Viertel passiert ist.

NS-Verbrechen sind auch in Jena verübt worden oder konnten durch die Zuarbeit von Jenaer Fachleuten, Wissenschaftlern, Verwaltungsangehörigen und anderen in die Tat gesetzt werden. Jenaer Bürgerinnen und Bürger wie auch Menschen aus anderen Städten und Ländern wurden hier zu Opfern.

Sehr viele Jenaer Bürgerinnen und Bürger haben weggesehen oder die sichtbaren Verbrechen hingenommen.

Es geht an dieser Stelle nicht darum zu richten. Niemand von uns weiß mit Sicherheit, wie er oder sie sich an dieser Stelle verhalten hätte. Das konkrete Hinsehen wirft vielmehr immer wieder neu die wichtige Frage auf, wie diese Verbrechen geschehen und zugelassen werden konnten. Wie und warum verhielten sich damals die Jenaerinnen und Jenaer so?

Und daraus folgt: Wie gehen wir heute mit den Bedrohungen unserer freiheitlichen Demokratie und der Menschen- und Bürgerrechte um? Wie können wir als Gesellschaft die humanistischen Werte bewahren? Auch damals vor knapp 100 Jahren begann die Ausgrenzung und Diskriminierung von Andersdenkenden, von Juden, von Menschen anderer Religion, Hautfarbe oder sexueller Orientierung nicht plötzlich, vehement und unaufhaltsam. Es begann schleichend, und sollte uns eine Lehre sein.

 

Sehr geehrte Damen und Herren,

in Deutschland und so auch in Jena brauchte es Zeit, die Bedeutung und Tragweite des 8. Mais 1945 als Tag der deutschen Kapitulation zu begreifen. Zu tief saßen die Schuld und die Scham, mit verantwortlich zu sein für Völkermord und das Grauen des Krieges und der Diktatur, und sei es durch Passivität und Wegschauen.

Die Befreiung von der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft, die mit dem Zusammenbruch des NS-Regimes im Frühjahr 1945 stattfand, ist nicht gleichzusetzen mit der Befreiung von nationalsozialistischem Gedankengut. Diese Auseinandersetzung bleibt uns auch heute und künftig als dauernde Aufgabe.“
 

Dr. Thomas Nitzsche, Oberbürgermeister


 

Oberbürgermeister Dr. Thomas Nitzsche steht an einem Mikrofon vor einer Gedenkstele, neben ihm ist ein Kranz aufgebaut, im Vordergrund stehen Zuhörerinnen und Zuhörer.
Gedenken an das Kriegsende 1945 vor der Gedenkstele in der Löbstedter Straße
Eine Frau steht vor einer Gedenkstele an einem Mikrofon.
Stadthistorikerin Dr. Jenny Price hielt eine Rede zum Gedenken an das Ende der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft.