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Gedenken an die Bombardierung Jenas 1945

19.03.2025

Die Rede des Oberbürgermeisters Thomas Nitzsche:

Sehr geehrte Damen und Herren,

seien Sie alle herzlich willkommen! In diesem Jahr blicken wir auf das Jahr des Kriegsendes 1945 vor 80 Jahren zurück. Im Jahr 1945 war es auch, als Jena am schlimmsten durch Bombenangriffe getroffen wurde. Der Angriff am 19. März 1945, heute vor 80 Jahren, war der schwerste.

Gerhard Voigt, damals 16 Jahre alt, war Schüler der Handelsaufbauschule in Jena. Seit November 1944 musste er seinen Kriegseinsatz ableisten und war bei der Firma Ammerschuber, einer feinmechanischen Werkstatt in der Camburger Straße, eingesetzt, in der Teile für die Rüstungsindustrie hergestellt wurden. Als die Bomben am 19.3.1945 auf Jena fielen, flüchtete er sich mit anderen in den Keller der Firma.

Gerhard Voigts Familie war bereits am 9. Februar ausgebombt worden. „Wir haben in der Saalbahnhofstraße 7 gewohnt. Meine Familie hat ganz sicher nur überlebt, weil wir keinen Keller hatten und deshalb am Anger 15 Schutz gesucht haben. Denn unser Wohnhaus wurde von einer Bombe getroffen.“ schreibt er in seinen Erinnerungsnotizen. 

Die Familie Voigt sammelte das, was ihr an Habseligkeiten geblieben war, und stellte es in einer Garage in der Leutrastraße unter. Autos waren ohnehin nicht da, die waren zur Kriegsnutzung abgegeben worden. Unterschlupf fand die Familie bei Bekannten in der Gustav-Fischer-Straße, dort in einem Zimmer konnten sie bleiben.

Um die Mittagszeit des 19. März heulten die Sirenen. „Von Lobeda kommend, über die Wöllnitzer Wiesen kamen die Flugzeuge auf die Innenstadt zu. So um die 30 bis 40 Flugzeuge mögen es gewesen sein, die mit einem Mal kamen. Sie warfen Bomben ab, und kurz darauf kamen die nächsten Bomber. Auch in der Nähe des Saalbahnhofs gingen Bomben runter, also gar nicht weit von uns, die wir in der Camburger Straße waren.“

Unmittelbar nach dem Angriff hielt es ihn nicht mehr im Keller der Firma. Er ging in Richtung Innenstadt, um nach seinem Vater zu schauen, der in der Leutrastraße gearbeitet hatte.

„Da habe ich die Zerstörungen gesehen! Die Stadtkirche hat zu diesem Zeitpunkt noch nicht gebrannt, das geschah erst am Nachmittag. Ich ging in die Leutrastraße, das sah furchtbar dort aus.“ Die Familie des Besitzers der Jenaischen Zeitung, für die der Vater arbeitete, war in einem Gebäudeteil verschüttet worden. „Den Menschen war nicht mehr zu helfen, mit bloßen Händen schon gar nicht. Auf der anderen Seite des Gebäudekomplexes, dort, wo mein Vater war, hörte man Klopfzeichen. Mit anderen, die zu der Zeit in der Innenstadt waren, haben wir sofort begonnen, den Ausgang freizulegen. Die Leute im Keller waren zum Glück unversehrt geblieben.

Auf der anderen Seite, da wo die Familie des Zeitungsbesitzers sich hingeflüchtet hatte, sind 32 Menschen im Keller verbrannt. Denn es waren auch Brandbomben auf die Stadt abgeworfen worden.“

Gerhard Vater fand seinen Vater lebend, auch seine Mutter, die an dem Tag in der Stadt war und mit Beginn des Fliegeralarms bei ihrem Mann Schutz gesucht hatte. Die Voigts lebten, doch die Stadt war verwüstet. 

„Das Bachsteinsche Haus war kaputt, die Collegiengasse war stark zerstört. In der Löbderstraße stand eigentlich nur noch die Flora-Drogerie. Manche Häuser waren ganz weg, von anderen standen nur noch einzelne Mauern. Das Rathaus war beschädigt, und von der Rathausgasse (hier, wo wir uns heute befinden) war fast nichts mehr übrig. Es war schlimm mit anzusehen, wie die Menschen verzweifelt umherrannten und irgendjemanden suchten.“

Besonders schlimm waren die Brände gewesen, die aus der Explosion von Phosphorbomben aufflammten, denen man nicht mit Wasser beikommen konnte und die nur mit Sand erstickt werden konnten. 

„Meine Eltern waren sehr betroffen, meine Mutter ist in wenigen Wochen regelrecht abgehärmt“, schreibt Gerhard Voigt später. „Schließlich hatten meine Eltern alles verloren. Ich habe das Ganze nicht als so gravierend empfunden. Ich war jung, und vor allem war ich froh, überlebt zu haben.“

Erst später wird Gerhardt Voigt einordnen können, was an diesem Tag in und mit Jena geschehen war. Nach dem 322. Fliegeralarm seit 1940 hatten 197 Bomber vom Typ B-17 der 3. Air Division der 8. U.S. Air Force in zehn Bombenteppich-Abwürfen insgesamt 563,7 Tonnen Bomben auf Jena abgeworfen.

Das Ergebnis war eine Schneise der Verwüstung vom Nordviertel und Saalbahnhof über den Fürstengraben zum Holzmarkt. Zehn Treffer erhielt das Zeiss-Werk, sechs Bomben explodierten bei Schott. 236 Tote gab es an diesem Tag in Jena, darüber hinaus 250 Verletzte. 

220 Gebäude wurden total zerstört, 250 schwer beschädigt. Im Hagel der Bomben gingen für immer Gebäude verloren, die bis dahin das Stadtbild prägten und von besonderem historischem Wert waren: 

Neben dem Bachsteinschen Haus an der Ecke Löbderstraße/Rathausgasse waren das beispielsweise das Stadtmuseum an der Weigelstraße, das Weinbauernhaus Siedelhof, die Schrammei, Schillers erste Jenaer Wohnung in der Jenergasse, die Ratsapotheke am Kreuz, die Kollegienkirche, der Burgkeller. 

Das Hauptgebäude der Universität wurde schwer getroffen. Das Rathaus und die Göhre waren stark beschädigt. Das Volkshaus und das Alexandrinum, die urologische Klinik am Steiger waren von Bomben getroffen. Die Handelsaufbauschule hinter der Stadtkirche St. Michael, die Gerhard Voigt besuchte, war total zerstört.

Sieben Groß- und zwei mittlere Brände wüteten in der Innenstadt. Infolge der Hitze des Flächenbrandes im Stadtzentrum geriet das Gebälk der Renaissance-Haube des Turmes der Stadtkirche in Brand und stürzte brennend auf das Langhaus. „Ich habe den Turm der Stadtkirche wie eine Fackel brennen sehen“, erinnerte sich Gerhard Voigt. 

Die Zerstörung des Turmes und Hallendaches der Kirche von St. Michael – dem Schutzpatron der Kirche und unserer Stadt – symbolisierte auf beklemmende Weise die verheerenden Folgen des Bombenangriffs vom 19. März 1945.

Seit 2023 ist die Jenaer Stadtkirche Mitglied der internationalen Nagelkreuzgemeinschaft von Coventry als Zeichen der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg als auch der bewussten Auseinandersetzung mit Krieg und Frieden und der Verantwortung hierfür in der Gegenwart.

Mit seinen Eltern verließ Gerhard Voigt die Stadt. Die Familie hatte ihr Hab und Gut auf einen Handwagen geladen, um damit nach Kunitz zu ziehen. Dort kamen sie bei Bekannten unter.

Sehr geehrte Damen und Herren,

die Erinnerungen von Gerhard Voigt verdeutlichen umfassend, was wir uns anlässlich dieses Gedenktages immer wieder ins Gedächtnis zurückrufen. 
Der Bericht sagt sehr viel über die Macht der Zerstörung durch die Kriegsbomben, die Ohnmacht der Zivilisten, die einem solchen Angriff ausgeliefert sind, und das persönliche, individuelle Leid der betroffenen Menschen, das in diesen Stunden des Angriffs über sie kam und sie das ganze weitere Leben begleiten wird.

Seit reichlich drei Jahren gehören Nachrichten über Bombenangriffe und kriegerische Auseinandersetzungen leider wieder zu unseren alltäglichen Meldungen in den Nachrichten. Mehr als drei Jahre dauert der Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine an. Auch wenn die Meldungen über den Krieg weiter nach hinten gerückt sind, so ist der Krieg dort im Land bitterer Alltag. An der Front, aber auch im Hinterland, wo Russland immer wieder mit Drohnen und Bomben angreift, Infrastruktur und Wohnhäuser zerstört und die Menschen in eine permanente Bedrohung versetzt. In der Ukraine ist tagtäglich Krieg. Soldaten kämpfen an der Front und sterben jeden Tag. Die Zivilbevölkerung der Ukraine ist immer wieder den brutalen Attacken der russischen Angreifer ausgesetzt.

Krieg mit all seinem Leid, mit Tod und Zerstörung ist in unsere Gegenwart und in unsere Nähe zurückgekehrt. Krieg ist nicht ein historisches Ereignis aus dem vergangenen Jahrhundert, sondern grausame Gegenwartsrealität mitten in Europa. 

Die Eskalation des Konfliktes in der Ukraine sowie die Macht- und Rollenverschiebungen im transatlantischen Verteidigungsbündnis machen deutlich, dass Frieden keinesfalls selbstverständlich oder gar ein Selbstläufer ist, sondern dass er gefährdet ist und beschützt und verteidigt werden muss. Deutschland und Europa müssen sich ihrer Verantwortung hierfür bewusst sein und die Politik muss entsprechend handeln.

Der Angriffskrieg auf die Ukraine ist hierfür der unverändert aktuelle Anlass. Niedergeschriebene Erinnerungen an die Bombardierungen Jenas wie die von Gerhard Voigt machen uns bewusst, was Krieg auch für unsere Stadt vor 80 Jahre bedeutete.

Die Bilder aus den heutigen Nachrichten lassen uns nachfühlen, was Krieg heißt und was hier in Jena in den Jahren des Zweiten Weltkrieges geschah:
Insgesamt starben mehr als 800 Menschen in Jena durch die insgesamt fünf Bombenangriffe und durch Artilleriebeschuss, darunter auch Zwangsarbeiter. Weit über 1.100 Menschen wurden verletzt. Die Toten und Verletzten machten ca. drei Prozent der damals in Jena lebenden 79.000 Einwohner und Flüchtlinge aus. 

In Folge der Bombardierung waren im Stadtgebiet 17 Prozent der Häuser und Wohnungen so stark beschädigt, dass sie unbewohnbar waren. Insgesamt 2.763 Wohngebäude mit 9.720 Wohnungen wurden beschädigt.

Wir alle hier wissen, dass die Bombardierung Jenas eine Folge der deutschen Angriffskriege auf seine europäischen Nachbarn waren, in deren Folge der Zweite Weltkrieg entbrannte. 

Die Verbrechen der NS-Diktatur und Deutschlands in der Zeit von 1933 bis 1945 stehen heute nicht im Mittelpunkt. Wir haben daran Ende Januar zum Gedenktag an die NS-Verbrechen gedacht und werden am 11. April, dem Gedenktag an den Todesmarsch von KZ-Häftlingen durch Jena, und am 8. Mai, dem Tag der Befreiung und des Kriegsendes in Deutschland, gedenken. 

Wir gedenken heute der Bombardierung Jenas im Bewusstsein, dass der Krieg, der von Deutschland ausgegangen war, nun mit seiner ganzen Brutalität hierher zurückgekehrte.

Krieg ist Teil unserer Geschichte, Krieg ist leider auch Teil unserer Gegenwart. Seien wir dankbar, dass wir hier in Frieden leben dürfen, seien wir solidarisch mit den Menschen, die vor Krieg fliehen müssen. Am Ende sind die Leidtragenden immer Menschen, so wie die Jenaer Opfer und ihre Angehörigen 1945, wie Gerhard Voigt, aus dessen Erinnerungen ich heute berichtete.

Ich danke Ihnen für Ihre Anwesenheit.

Lassen Sie uns der Opfer in einer Schweigeminute gemeinsam gedenken.

Mann steht vor Gedenkstele
Oberbürgermeister Thomas Nitzsche gedachte der Opfer der Bombardierung Jenas.
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