Gedenken an die Bombardierung Jenas vor 81 Jahren
Die Rede von Oberbürgermeister Dr. Thomas Nitzsche
Sehr geehrte Damen und Herren,
sehr geehrter, lieber Herr Simon,
ich freue mich sehr, dass wir heute dieses Gedenken gemeinsam mit Ihnen als Pfarrer der Stadtkirche gestalten. Der Grund ist, dass die Kirche wegen der Deckensanierung derzeit leider geschlossen ist. Doch schon in den letzten Jahren seit der Aufnahme der Stadtkirche in die Nagelkreuzgemeinschaft von Coventry hatten wir uns bezüglich des Gedenkens enger abgestimmt. Vielleicht erwächst hieraus ja eine kleine Tradition; das würde mich sehr freuen.
Sehr geehrte Damen und Herren,
seien Sie alle herzlich willkommen!
Wie jedes Jahr blicken wir am 19. März auf den schwersten Bombenangriff auf Jena im Jahr 1945 am Ende des Zweiten Weltkrieges zurück, heute vor 81 Jahren.
Bereits im Mai 1943 kam es zu einem ersten Bombardement auf Jena, das 12 Tote forderte. Schnellbomber der Royal Air Force attackierten im Tiefflug die Zeiss- und Schottwerke. Die Angreifer kamen nicht zufällig. Sie wussten, dass Carl Zeiss Jena ein Hauptproduzent militäroptischer Geräte und damit ein kriegswichtiges Angriffsziel war.
Im Frühjahr 1945 griffen die Bomberpulks Jena in der Regel als Zweitziel an. Sie befanden sich bereits auf dem Rückflug und hatten zuvor den größten Teil ihrer Bombenlast über den mitteldeutschen und schlesischen Hydrieranlagen abgeworfen.
Am 19. März 1945 kam es zum schwersten Bombenangriff. Es wurde berichtet, dass an diesem Tag um 12.20 Uhr die Sirenen schon zum dritten Mal heulten und Fliegeralarm gaben. 13.16 Uhr erreichten 197 Flugzeuge der 3. Luftdivision der 8. US Army Air Force den Raum der Stadt Jena.
In sieben Wellen galt ihr Angriff erneut dem Hauptwerk des Unternehmens Carl Zeiss am Rande der Altstadt. Doch nur sechs bis acht Bomben trafen dieses Ziel, sechs das nahe gelegene Jenaer Glaswerk Schott & Genossen. Die Masse der Spreng-, Phosphor- und Brandbomben ging über dem etwa 250 Meter davon entfernten Areal zwischen Fürstengraben und Holzmarkt nieder.
Mehrere hundert Quadratmeter dicht bebauter Wohn- und Geschäftsquartiere lagen innerhalb von 20 Minuten in Schutt und Asche. Sieben Großbrände entstanden in der Innenstadt, die im Verlauf des Nachmittags auch auf Turm, Dach und Halle der Stadtkirche St. Michael übergriffen. 220 Häuser vornehmlich in der Innenstadt wurden vollständig zerstört. 236 Menschen starben, 100 wurden schwer und 150 weitere leicht verletzt.
Im März 2005 berichtete Annelies Rehberg, geboren 1920, in der OTZ, wie sie die Bombardierung Jenas und die letzten Kriegstage 1945 erlebte. Annelies Rehberg war Tochter eines Feuerwehrmanns, die Familie wohnte im Feuerwehr-Depot in der Saalbahnhofstraße. Ihr Vater musste zu Kriegsbeginn sein Taxi-Unternehmen stilllegen und wurde in den von der Freiwilligen Feuerwehr gegründeten Sicherheits- und Katastrophendienst, den SHD, übernommen. Der SHD hatte vier für ganz Jena zuständige Feuerlöschzüge, für einen war Annelies Rehbergs Vater verantwortlich. (Randinfo: Die Einrichtung einer Berufsfeuerwehr erfolgte erst 1947.)
Bei Fliegeralarm mussten die Fahrzeuge das Depot verlassen und wurden an verschiedenen Standorten im Stadtgebiet untergestellt. Zwei davon Am Anger unter der Bahnunterführung. Beim Fliegeralarm am 17. März 1945 wurde diese Bahnunterführung zerbombt, die Fahrzeuge zerstört, die Besatzungen kamen ums Leben. Damit standen der Stadt nur noch zwei Löschzüge zur Verfügung.
Am 19. März war Annelies Rehberg auf dem Weg zum Dienst im Postamt, als in Höhe der Bibliothek die Sirenen heulten. Sie kehrte nach Hause zurück. Nachdem der Bombenteppich von den Flugzeugen gelegt worden war, habe der Abwurf der Brand- und Flüssigkeitsbomben begonnen.
Jena brannte jetzt vom Markt, von der Johannisstraße bis zum Holzmarkt. Ihr Vater war mit seinem Löschzug in der Weigel- und Johannisstraße eingesetzt. Die zwei Fahrzeuge konnten die Altstadt nicht retten. Für das Löschen an der Stadtkirche mangelte es zudem an Schläuchen.
Am Morgen des nächsten Tages war ihr Vater völlig erschöpft und fassungslos nach Hause gekommen. Rauchgeschwärzt, die Hände angesengt – und stumm. Er konnte nicht mehr sprechen, erst später wieder.
Nach dem 19. März wurde festgelegt, dass die Löschfahrzeuge außerhalb Jenas stationiert werden. Der Löschzug von Gustav Rehberg wurde in Tröbnitz bei Stadtroda abgestellt. Am 12. April 1945 wurde er, 63-jährig, nach einem Einsatz in Stadtroda von US-Soldaten, eventuell aufgrund eines Missverständnisses, erschossen. Sein Sarg wurde im Friedhofsgebäude des Nordfriedhofs aufgestellt, dort wo auch die vielen Toten des letzten Bombenangriffs auf den Saalbahnhof drei Tage zuvor lagen.
Annelies Rehberg konnte nie vergessen, wie sie „an der unerträglich langen toten Menschenreihe“ vorbeigehen musste. Es gab in Jena keine Särge mehr. Der ihres Vaters stand an letzter Stelle dieser Totenreihe.
Bereits beim Bombenangriff am 9. Februar 1945 hatte Annelies Rehberg eine Schwester verloren. Erst drei Tage nach dem Bombenangriff hatten ihr Vater, sie und eine weitere Schwester die verschüttete Schwester unter dem Bombenschutt gefunden. Weitere Verwandte starben bei der Bombardierung Dresdens und auf der Flucht aus Ostpreußen.
Beim letzten Bombenangriff auf Jena am 9. April 1945, drei Tage vor dem Einmarsch der Amerikaner in Jena, zerstörte die US-Air-Force den Güterbahnhof des Saalbahnhofs, um den Eisenbahnverkehr lahmzulegen. Die Bomben schlugen zwischen Spitzweidenweg und Löbstedter Straße eine breite Schneise der Verwüstung.
Unter den Opfern dieses Angriffs befanden sich auch Zwangsarbeiter des Reichsbahnausbesserungswerks. Wie die deutschen Anwohner hatten sie in einem Fußgängertunnel Schutz gesucht, der durch einen Bombentreffer zerstört wurde. Über 100 Menschen starben – die Toten, an denen Annelies Rehberg vorbeigehen musste.
Zwischen 1940 und 1945 ertönte in Jena 330 mal das Signal „Fliegeralarm“. Insgesamt starben bei Bombenangriffen mehr als 800 Menschen. 1.166 Verletzte wurden registriert.
Die Toten und Verletzten machten ca. 3 Prozent der damals in Jena lebenden 79.000 Einwohner und Flüchtlinge aus. In Folge der Bombardierung waren im Stadtgebiet 17 Prozent der Häuser und Wohnungen so stark beschädigt, dass sie unbewohnbar waren. Insgesamt 2.763 Wohngebäude mit 9.720 Wohnungen wurden beschädigt.
Sehr geehrte Damen und Herren,
die Erinnerungen von Annelies Rehberg und die teils unfassbaren Zahlen zu Opfern und Zerstörungen verdeutlichen, was wir uns anlässlich dieses Gedenktages immer wieder ins Gedächtnis zurückrufen.
Der Bericht sagt sehr viel über die Macht der Zerstörung durch Kriegsbomben, die Ohnmacht der Zivilisten, die einem solchen Angriff ausgeliefert sind, und das persönliche, individuelle Leid der betroffenen Menschen, das in diesen Stunden des Angriffs über sie kam und sie das ganze weitere Leben begleiten wird.
Seit Jahren gehören Nachrichten über Bombenangriffe und kriegerische Auseinandersetzungen leider wieder zu unseren alltäglichen Meldungen. Statistiken besagen, dass es in 2025 so viele kriegerische Auseinandersetzungen weltweit gab, wie seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges nicht mehr.
Immer wieder sehen wir die schlimmen Bilder des mehr als vier Jahre andauernden Angriffskrieges Russlands gegen die Ukraine. Der Krieg ist dort im Land bitterer Alltag. An der Front, aber auch im Hinterland, wo Russland immer wieder mit Drohnen und Bomben angreift, Infrastruktur und Wohnhäuser zerstört und die Menschen in eine permanente Bedrohung versetzt.
Nicht vergessen haben wir den mörderischen Überfall der Hamas auf Israel 2023 und die anschließende Zerstörung des Gaza-Streifens. Die aktuellen Bilder der Angriffe auf den Iran, auf die Golfstaaten, auf Israel und den Libanon erschüttern.
Selbst wenn häufig angestrebt wird, vorrangig militärische Ziele anzugreifen, so ist doch immer wieder auch die Zivilbevölkerung betroffen. Menschen sterben, werden verletzt oder traumatisiert, verlieren ihr Hab und Gut, müssen vor den Kampfhandlungen fliehen. Es gibt keinen „sauberen“ Krieg. Krieg ist immer zerstörerisch und mit Tod und Leid von Menschen verbunden.
Krieg mit all seinen Konsequenzen ist in unsere Gegenwart und in unsere Nähe zurückgekehrt. Krieg ist nicht ein historisches Ereignis aus dem vergangenen Jahrhundert, sondern grausame Gegenwartsrealität in vielen Gegenden der Welt und mitten in Europa.
Die Eskalation des Konfliktes in der Ukraine sowie die Macht- und Rollenverschiebungen im transatlantischen Verteidigungsbündnis machen deutlich, dass Frieden keinesfalls selbstverständlich oder gar ein Selbstläufer ist, sondern dass er gefährdet ist und beschützt und verteidigt werden muss. Deutschland und Europa müssen sich ihrer Verantwortung hierfür bewusst sein und die Politik muss entsprechend handeln.
Der Angriffskrieg auf die Ukraine ist hierfür der unverändert aktuelle Anlass. Niedergeschriebene Erinnerungen an die Bombardierungen Jenas wie die von Annelies Rehberg machen uns bewusst, was Krieg auch für unsere Stadt vor 81 Jahre bedeutete.
Wir alle hier wissen, dass die Bombardierung Jenas eine Folge der deutschen Angriffskriege auf seine europäischen Nachbarn war, die den Zweiten Weltkrieg auslösten.
Wir gedenken heute der Opfer der Bombardierung Jenas im Bewusstsein, dass der Krieg, der von Deutschland ausgegangen war, mit seiner ganzen Brutalität hierher zurückkehrte.
Seien wir dankbar, dass wir heute hier in Frieden leben dürfen. Seien wir solidarisch mit den Menschen, die vor Krieg fliehen müssen und Hilfe brauchen. Am Ende sind die Leidtragenden immer Menschen, so wie die Jenaer Opfer und ihre Angehörigen 1945, wie Annelies Rehberg, von der wir heute hörten.