Jena erinnert! 15 Jahre (danach)
Der „Nationalsozialistische Untergrund“ (NSU) verübte die größte rechtsterroristische Mordserie in der Geschichte der Bundesrepublik. Im November 2011 enttarnte sich das Netzwerk selbst. Mit der Veranstaltungsreihe „Jena erinnert! 15 Jahre (danach) – Jena und der NSU-Komplex“ wollen zahlreiche Akteurinnen und Akteure in Jena die damaligen Entwicklungen und Ereignisse thematisieren, die bis heute nachwirken. Insbesondere die Dimension rechten Terrors, der staatlichen Behördenversäumnisse und des strukturellem Rassismus stellte eine Zäsur dar und erschütterte die Bevölkerung. Bis heute ist der NSU-Komplex nicht vollständig aufgearbeitet.
Jena als zentraler Ort der NSU-Geschichte
Jena ist ein zentraler Ort in der Geschichte des NSU. Hier setzte sich in den frühen 1990er Jahren die Radikalisierung der Menschen fort, die später zu den Haupttätern wurden. Aus einem Umfeld der rechtsextremen Szene entwickelte sich ein Netzwerk, in dem rassistische Ideologien, Gewalt und schließlich Terror eine zentrale Rolle spielten. Die Mitglieder ermordeten in Deutschland zehn Menschen: Enver Şimşek, Abdurrahim Özüdoğru, Süleyman Taşköprü, Habil Kılıç, Mehmet Turgut, İsmail Yaşar, Theodoros Boulgarides, Mehmet Kubaşık, Halit Yozgat und Michèle Kiesewetter.
Programm mit zahlreichen Mitwirkenden
Mit der Auftaktveranstaltung „Alle betroffen, nichts gewusst?“ startet die Veranstaltungsreihe am 29.10.2026 im StadtLab. Bis Ende November stehen mehrere Ausstellungen und Veranstaltungen auf dem Programm, das von der AG Jena erinnert vorbereitet wurde. Neben der Stadt Jena und JenaKultur beteiligen sich hier Kokont (Koordinierungsstelle des Jenaer Stadtprogramms gegen Fremdenfeindlichkeit, Rechtsextremismus, Antisemitismus und Intoleranz und Kontaktbüro des Runden Tisches für Demokratie), das Bündnis „NSU-Komplex auflösen”, das Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft Jena, das Thüringer Archiv für Zeitgeschichte „Matthias Domaschk” (ThürAZ), die Freie Bühne, die Junge Gemeinde Stadtmitte Jena, der Demokratische Jugendring Jena e.V. sowie die Vereine Haydi und Komme (Kommunikation und Medien).
Perspektive der Betroffenen ernst nehmen
Die verschiedenen Programmpunkte werfen unterschiedliche Blicke auf den NSU-Komplex: auf die lokale Geschichte und die Entstehung rechtsextremer Strukturen, die bis heute offene Frage nach Verantwortung und Aufarbeitung und vor allem die Perspektive der Betroffenen.
„Erinnern bedeutet dabei mehr als zurückzublicken. Es bedeutet, die Perspektiven der Betroffenen ernst zu nehmen, Entwicklungen zu verstehen und darüber zu sprechen, welche Verantwortung eine Gesellschaft im Umgang mit Rassismus, Rechtsextremismus und rechter Gewalt trägt”, so Kulturdezernent Johannes Schleußner, der alle Bürgerinnen und Bürger dazu einlädt, die Angebote zu besuchen und gemeinsam ins Gespräch zu kommen.
„Jena trägt eine besondere Verantwortung im Umgang mit dem NSU-Komplex, denn in Jena nahm die Radikalisierung der späteren Täter ihren Anfang. Fünfzehn Jahre nach der Selbstenttarnung dürfen wir nicht nachlassen, uns dieser Geschichte zu stellen. Mit ‚Jena erinnert!‘ setzen wir ein klares Zeichen: Rassismus und rechte Gewalt haben in unserer Stadt keinen Platz“, betonte Oberbürgermeister Dr. Thomas Nitzsche die Wichtigkeit des Projektes.
Ein Ort, zwei Ausstellungen
Vom 29.10. bis zum 20.11.2026 wird im StadtLab am Markt die Ausstellung „Die Opfer und die Aufarbeitung der Verbrechen“ gezeigt. Sie wurde in den Jahren 2012 und 2013 von Birgit Mair im Auftrag des Instituts für sozialwissenschaftliche Forschung, Bildung und Beratung (ISFBB) e.V. erstellt und seitdem vielfach bundesweit gezeigt. Die bilderreiche Ausstellung setzt sich auf 27 Tafeln mit den Verbrechen des NSU in den Jahren 1999 bis 2011 und deren gesellschaftlicher Aufarbeitung auseinander.
Im Mittelpunkt stehen die Menschen, die durch den NSU ermordet wurden, ihre Familien und die Folgen, die die Taten für sie hinterlassen haben. Es geht um Trauer, Verlust, Ausgrenzung und die jahrelange Erfahrung, dass die rassistischen Motive der Morde von den Ermittlungsbehörden zunächst nicht erkannt wurden.
Parallel ist die Ausstellung „Der Weg in den Untergrund – Die Jenaer Spuren“ zu sehen. Hierfür rekonstruierte der Journalist Frank Döbert im Auftrag von JenaKultur mit Zeitungsberichten, Dokumenten und Fotografien, wie die rechtsextreme Szene in Jena in den frühen 1990er Jahren entstehen konnte und wie sich die Radikalisierung vollzog.
Podiumsdiskussionen und Forschungspräsentation im StadtLab
Nach der von Kokont organisierten Auftaktveranstaltung folgen die Podiumsdiskussionen „Kontinuitäten rechten Terrors” (von Kokont in Kooperation mit Demokratischen Jugendring Jena e.V. und der Jungen Gemeinde Stadtmitte Jena) und „Akzeptierende Sozialarbeit mit Rechten in den 1990er Jahren in Jena – und heute?” des Bündnisses „NSU-Komplex auflösen Jena“. Ebenfalls im StadtLab präsentiert Leonie Dellen am 13.11.2026 Ergebnisse ihrer Untersuchungen. Die Historikerin, Politikwissenschaftlerin und Pädagogin ist Clara-und-Eduard-Rosenthal-Stipendiatin. Dieses seit 2009 von JenaKultur vergebene Stipendium wurde 2025 erstmals für politische Bildung ausgeschrieben. Leonie Dellen hat im Rahmen des Stipendiums seit November 2025 verschiedene Perspektiven auf die Jugendsozialarbeit in Jena Ende der 1980er bis Ende der 1990er Jahre herausgearbeitet, die nun erstmals öffentlich präsentiert und eingeordnet werden.
Lange Nacht der Wissenschaften
Im Rahmen der Langen Nacht der Wissenschaften am 20.11.2026 stellt sich das Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft (IDZ) mit seinen aktuellen Forschungsarbeiten im StadtLab vor. 2016 als eine Konsequenz aus der Aufarbeitung des NSU-Komplexes gegründet, liegt der Fokus des Instituts auf der Erforschung von Demokratiegefährdungen und der demokratischen Zivilgesellschaft. Neben zwei Beiträgen zu rechter Gewalt und zu Jugendarbeit im Jena der 1990er-Jahre, präsentiert von der aktuellen Rosenthal-Stipendiatin der Stadt Jena sowie einer Kollegin der Ernst-Abbe-Hochschule, geben Forschende des IDZ Einblicke in ihre Projekte und stellen neue Erkenntnisse vor. Im Anschluss stehen sie für Fragen und vertiefende Gespräche zur Verfügung.
Einblicke in Bildungsprojekt
Zum Abschluss der Veranstaltungsreihe laden das Thüringer Archiv für Zeitgeschichte „Matthias Domaschk“, die Freie Bühne Jena und die Vereine Haydi und Komme am 27.11.2026 alle Interessierten ins KuBuS in Lobeda-West ein. Die Akteurinnen und Akteure werden Ergebnisse des Bildungsprojekts „Einigkeit und Hass und Hetze – Jugend in Jena in den frühen 1990er Jahren und heute” vorstellen, das im Vorfeld mit der Jenaplanschule und der Karl-Volkmar-Stoy-Schule an Schulprojekttagen umgesetzt wird. Neben Eindrücken von diesen Projekttagen können Besuchende ein Theaterstück der Freien Bühne, eine Ausstellung sowie eine Gesprächsrunde mit Vertreterinnen und Vertretern von migrantischen (Selbst-)Organisationen aus Jena erleben.